Viel Zeit, sich in aller Ruhe einzuarbeiten, hatte Friedrich Studer nicht, als er vor gut einem Jahr die Stelle als neuer Geschäftsführer der kenova AG antrat. Im Gegenteil: Kaum war er im Amt, erfolgte der Wechsel von der alten zur neuen Anlage. Eine äusserst turbulente Zeit, wie er im Rückblick sagt.
«Wir haben intensive Monate hinter uns», sagt Friedrich Studer. Der neue Geschäftsführer der kenova AG – vormals Kebag – wurde von Anfang an gefordert, als er im August 2025 seine Stelle antrat. Die alte Kehrichtverwertungsanlage war im wahrsten Sinn an ihre Altersgrenze gestossen, die neue stand kurz vor der endgültigen Inbetriebnahme.
Im Dezember war es dann soweit: Die alte Anlage wurde abgeschaltet, die neue musste funktionieren. Es gab kein Zurück mehr. «Dieser Wechsel von Alt zu Neu bestimmte in der Anfangszeit alles», erinnert sich Friedrich Studer. «Technisch funktionierte der Wechsel glücklicherweise reibungslos, aber für viele Mitarbeitende war er eine grosse Herausforderung.» Das Gewohnte zu verlassen – nicht wenige Mitarbeitende arbeiteten 10 Jahre und länger mit der alten Anlage – und sich an die neue Anlage zu wagen, sei für viele schwierig gewesen. «Da kam ein riesiger Berg an Neuem auf sie zu, und so mancher traute sich kaum, die ersten Schritte zu machen.»
Natürlich waren alle im Voraus geschult worden, und die Leute wurden durch externe Fachleute in der Anfangsphase intensiv begleitet. Aber «es gibt kein Allerweltsmittel, um die Leute auf den Weg zu bringen. Jeder musste schlussendlich selbst herausfinden, was ihm hilft.»
Zeit für Mitarbeitende
Er sei seinem Vorgänger Markus Juchli sehr dankbar, dass er sich nicht einfach in die Pensionierung verabschiedet hat, sondern als Projektleiter dabeiblieb und die Verantwortung fürs technische Projekt übernahm. «So konnte ich mich voll auf die Menschen konzentrieren und sie, soweit möglich, unterstützen.» Das hiess vor allem: Sich Zeit nehmen, mit den Leuten reden, ihnen zuhören. Ihre Anliegen und Verbesserungsvorschläge aufnehmen, schauen, was umsetzbar war. «Es war turbulent, aber heute kann ich sagen, es ist, übers Ganze gesehen, alles gut gegangen. Heute ist der Kernprozess stabil, wir wissen, dass die Anlage läuft, und alle sind auf dem Weg.»
Bevor Friedrich Studer seine Stelle in Zuchwil antrat, war er fünf Jahre lang Geschäftsführer in der Kehrichtverwertungsanlage und Kläranlage erzo KVA in Oftringen.
Wie ist er aber überhaupt zum Thema Abfall gekommen? «Ins Abfallthema wird niemand hineingeboren», lacht er. «Schliesslich ist der Küder etwas ‹Gruusiges›, und man ist froh, wenn man ihn schnell loswird.» Aber wenn man sich näher damit befasse, sei das Thema eben auch faszinierend.
Vom Kalk zum Abfall
Von Haus aus sei er Chemiker/Betriebswirtschafter, erzählt er weiter. Und bevor er zur erzo stiess, war er fünf Jahre lang bei der Omya Oftringen tätig, einem Händler für Kalziumcarbonat, oder, einfacher ausgedrückt: Kalk. Kalk braucht man eigentlich überall: In der Abwasserreinigung, der Trinkwasseraufbereitung, in Farben, in Papier, aber auch als Füllstoff in Medikamenten, da es völlig ungiftig ist. «Da war ich in der Produkteentwicklung, und da die Omya weltweit tätig ist, war ich in dieser Zeit auch auf der ganzen Welt unterwegs.» Eine spannende Zeit sei es gewesen, aber irgendwann wurde ihm das ständige Unterwegssein zu viel. «Als ich heiratete und eine Familie gründete, war klar, dass ich eine stabilere Betätigung brauche.»
Zur erzo kam er kurz vor Ausbruch der Covid-Pandemie, wo er sich erst mit der Phosphor-Rückgewinnung beschäftigte, und schliesslich Geschäftsführer der KVA/ARA wurde. «Da wurde mir bewusst, wie faszinierend der Abfall, den wir produzieren, eigentlich ist. Es ist eine Branche, in der man noch viel bewegen und verändern kann.»
Zukunftsorientiert
Als Geschäftsführer einer KVA lernte Friedrich Studer natürlich auch die kenova Zuchwil kennen, und er erkannte, «dass die kenova in der Entwicklung schon sehr weit ist. Das faszinierte mich, und ich wusste rasch, wenn sich die Möglichkeit ergibt, hier einzusteigen, will ich sie ergreifen.» So kam es, dass er sich bewarb und die Stelle erhielt. Und: «Jetzt bin ich beruflich da angekommen, wo ich hingehöre», ist der 46-Jährige überzeugt. Sein Ziel: Die kenova so führen, dass es sie auch in 50 Jahren noch gibt. Und vor allem: dafür sorgen, dass es den Mitarbeitenden wohl ist, «so dass wir weiterhin mit vielen Leuten ihr 20-Jahre-Jubiläum feiern können.»
Wichtig ist ihm auch, dass die Preise der Abfallentsorgung für die Bevölkerung trotz der hohen Investitionen in die neue Anlage nicht steigen. «Ich bin überzeugt, dass wir dies auch schaffen – nicht zuletzt dank unserer effizienten Strom- und Fernwärmeproduktion.»
In der Abfallverbrennung, was etwa die Effizienz und den Umweltschutz angehe, sei die Branche schon sehr weit, sagt er weiter. Da gebe es momentan nicht viel Entwicklungspotenzial. Aber gerade in der Rückgewinnung von wertvollen Rohstoffen sei noch vieles möglich, ist er überzeugt. So ist das nächste grosse Projekt, das Friedrich Studer in Angriff nehmen will, die Zinkrückgewinnung. Ein Thema, das in Zuchwil nicht neu ist: Bis zum Ende des vergangenen Jahres konnte mit der FLUREC-Anlage, die mit der Abschaltung der alten Anlage ebenfalls stillgelegt wurde, jährlich rund 300 Tonnen hochreines Zink zurückgewonnen werden. Dies soll auch mit der neuen Anlage wieder möglich werden.
A propos Rückgewinnung von Rohstoffen: Nach seinem dringendsten Anliegen an die Bevölkerung gefragt, sagt er: «Bitte werfen Sie kein Glas in den Abfallsack. Glas hat dort ganz einfach nichts zu suchen.» Die Behauptung, Glas im Kehricht helfe bei der Verbrennung, hört man immer wieder. Aber Glas schmilzt bei rund 1600 Grad, in einer Kehrichtverwertungsanlage herrschen jedoch nur knapp 1000 Grad. Somit kann das Glas thermisch nicht verwertet werden und landet in der Schlacke und damit auf einer Deponie.
Neue Heimat in Deitingen
Nicht nur in der kenova in Zuchwil hat Friedrich Studer eine neue Heimat gefunden – auch privat ist er mit seiner Familie – inzwischen ist er Vater eines neunjährigen Sohnes und einer sechsjährigen Tochter – unlängst vom Gäu in unsere Region umgezogen. Nicht nach Zuchwil, aber doch in die Nähe: nach Deitingen. «In dieser dörflichen Umgebung ist es uns richtig wohl.»
Monika Frischknecht