Alemannische Siedlung auf römischen Ruinen

An der Arbeit auf der Baustelle: Erwin Vitelli, der Vater des Autors, Theodor Schweizer und Alfons Vitelli (vin links). Bilder zur Verfügung gestellt durch das Amt für Denkmalschutz und Archäologie

Unter der katholischen Kirche ­befinden sich die Reste eines ­römischen Gutshof. Diese wurden in den 1950er-Jahren, vor dem Bau der heutigen Kirche, freigelegt.
Die spannendsten Geheimnisse barg allerdings der alte Friedhof auf dem Kirchenareal.

Bei Adele Tatarinoff, unserer Dorfchronistin, ist zu lesen: «Der Name Zuchwil stammt aus dem keltischen «tug», was fruchtbarsein, taugen, heisst, und «wil», der Bezeichnung für einen römischen Gutshof. Der Überlieferung nach dürfte der helvetische Sippenführer «Tucho» (Zucho) der Ortschaft den Namen gegeben haben. Da wo heute die katholische Kirche steht – es ist das dritte Gotteshaus im Laufe der Jahrhunderte – stand ein herrschaftlicher römischer Gutshof. Zahlreiche Bodenfunde aus dieser Zeit sind Zeugen der untergegangenen römischen Kultur in den ersten vier nachchristlichen Jahrhunderten. Später nahmen die Alemannen von der Gegend Besitz.»

Im Jahre 1941 wurde der aus Aedermannsdorf stammende Pfarrer Oskar Stampfli vom Bischof nach Zuchwil gesandt mit dem Auftrag, daselbst eine Kirche zu bauen. Oskar Stampfli war ein Mann der Tat und ging mit Elan an die Aufgabe heran. Er belebte den schon 1929 gegründeten Kirchenbauverein und leitete zusammen mit Simon Steiner, dem damaligen Kirchgemeinde-Präsidenten, den Neubau. Die Grundsteinlegung der neuen St. Martinskirche fand 1953 statt und die feierliche Einweihung 1956. Pfarrer Stampfli war noch bis 1959 im Amt.*

Die Ausgrabungen
Neubau bedeutet auch: Abbruch der alten Kirche und Ausgrabung des um sie angelegten alten Friedhofs, sowie weiterführende Abklärungen der bekannten Reste des römischen Gutshofes. Als Leiter der Ausgrabungen, die 1952 gestartet wurden, bestimmte das Amt für Archäologie den Oltner Theodor Schweizer. Zu diesem Zeitpunkt war der Bau der neuen Kirche bereits in Angriff genommen.

Theodor Schweizer hatte einen dreiteiligen Auftrag zu erfüllen:

• Sicheres Dokumentieren der Reste des römischen Gutshofs

• Abklären, ob Paolo Pisoni (1738-1804), der Vollender der St. Ursenkathedrale Solothurn, wirklich in der alten St. Martinskirche Zuchwil bestattet ist

• Leiten der respektvoll vorzunehmenden Exhumierung der Gräber des um die alte Kirche angelegten Friedhofs.

Mein Vater Erwin Vitelli (1904-1991) hatte den Baumeisterauftrag für die neue Kirche erhalten und war 1952 mit seinen Bauleuten bereits am Werk. Er wurde von Theodor Schweizer um Unterstützung bei seinen Ausgrabungen gebeten. So musste Vater eine Gruppe Erdarbeiter zur Verfügung stellen. Ich war da gerade Lehrling als Tiefbauzeichner beim Ingenieurbüro Salzmann und Emch und durfte mich dieser Gruppe anschliessen; ich opferte gerne meine ­Ferien für diese spannende Aufgabe.

Als Erstes wurde der Bau des Pfarrsaals in Angriff genommen. Dazu musste die Baugrube ausgehoben werden, von Hand natürlich, denn Trax und Bagger kannte man damals noch nicht. Schnell stiessen wir auf die vermuteten Reste des römischen Gutshofes. Da der Pfarrsaal nicht unterkellert wurde, musste nur Platz für die Fundamente geschaffen werden. So blieb ein Teil der römischen Mauern erhalten, welche heute durch eine Türe beim JuBla-Raum zugänglich sind.

Ist es Paolo Pisoni?
Die zweite Aufgabe Schweizers (wo Paolo Pisoni begraben liegt), konnte nicht gänzlich geklärt werden. Als beim Abbruch der alten Kirche die Sitzbänke aus dem Kirchenschiff entfernt wurden, kam die schwere Grabplatte seines Grabes zum Vorschein. Mit Dreibeinwinde und Kran wurde sie gehoben und später auf der Ostseite des neuen Turmes eingemauert, wo sie heute bestaunt werden kann. Unter der Platte kamen ein gemauertes, kistenförmiges Grab mit Teilen eines Skeletts zum Vorschein. Es konnte nicht geklärt werden, warum es nicht vollständig erhalten war. Auch wurden keine Grabbeigaben wie Zirkel, Lot oder Metermass gefunden, welche auf einen Architekten oder Baumeister hingewiesen hätten. Man begnügt sich heute zu sagen, dass Paolo Pisoni, der «Freund Zuchwils», mit grosser Wahrscheinlichkeit, statt mit Sicherheit, in der alten Kirche bestattet wurde.

Die dritte Aufgabe Schweizers entwickelte sich zur spannendsten: Die Ausgrabung des alten Friedhofs. Es ging darum, die Gebeine der Bestatteten vor grober, pietätloser Zerstörung durch die Bauarbeiten zu bewahren. Da war ich als motivierter Handlanger mit dabei.

Zur Aufnahme der ausgegrabenen Knochen wurde östlich der Polenkapelle ein etwa zwei mal zwei Meter grosses Sammelgrab ausgehoben. Vater und Theodor Schweizer befanden wahrscheinlich mich braven Jungknaben als fromm genug und daher als geeignet, die Aufgabe der Wiederbestattung zu übernehmen. So trug ich vorsichtig Kessel um Kessel voll Knochen zur Sammelgrube und legte sorgsam Gebein neben Gebein, Schädel neben Schädel. Am Schluss der Aktion rief der Pfarrer alle Bauarbeiter beim Sammelgrab zusammen, sprach ein Gebet, spendete den Segen und die Erdarbeiter schütteten die Grube sorgfältig wieder zu – es war ein stiller, würdiger Akt.

Der Zinksarg
Am andern Tag die grosse Sensation auf dem Friedhof: Bei den Ausgrabungen kam ein Zinksarg zum Vorschein! Fast ganz Zuchwil lief herbei, um zu staunen. Ein Zinksarg, was das wohl bedeutet? Wir Laien wurden aufgeklärt: Wer im Ausland stirbt und in der Heimat beerdigt sein will, musste in einem luftdicht verlöteten Zinksarg nach Hause überführt werden.

Alle Zuschauer warteten auf den herbeigerufenen Spengler, der den Sarg öffnen sollte. Da, endlich, Deckel weg und Aufschrei, wir sahen einem guterhaltenen Knochenmannli in die Augenhöhlen. Doch jemand schrie: «Es ist eine Frau!»

Tatsächlich bemerkte auch ich die Halskette, den Armreif, das Haar und den mit Stickerei verzierten Kragen des Totenhemdes. Theodor Schweizer machte mich auf den Beckenknochen aufmerksam: «Alleine daran erkennst du ob Mann oder Frau.» Man trug den seltsamen Fund zur vorläufigen Aufbewahrung in die nahe Baubaracke. Vor Feierabend schlich ich nochmals zu ihr, ich stupfte sie mit der Fingerspitze an den Fussknochen. Ich glaube noch heute, sie lächelte mir zu. 

Theodor Schweizer: Autodidakt mit vielen Talenten
Theodor Schweizer (1893-1956) wuchs in Olten auf und machte eine Lehre als Färber. Später fand er Arbeit bei der PTT und war Verwaltungsgehilfe bei der Telefondirektion in Olten.

Als Autodidakt entdeckte er ab 1919 über 40 steinzeitliche Siedlungsplätze in der Umgebung von Olten und machte sich als privater Mitarbeiter beim Amt für Denkmalschutz und Archäologie einen Namen. Er verfasste Beiträge für historische Zeitschriften und war Ehrenmitglied des Historischen Vereins Solothurn. 

Alfons Vitelli

(Quellen: Paul Schürmann: 100 Jahre römisch-katholische Kirchgemeinde Zuchwil; Historisches Lexikon
der Schweiz)

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